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Die Zeit. Das neue Lesen?

Nils Hörrmann

Bereits lange vor seiner eigentlichen Ankündigung hat das iPad für Gesprächsstoff gesorgt, die Verlagsindustrie schien in freudiger Erregung. Und in der Tat eröffnet das iPad neue Möglichkeiten des Publizierens, neue Orte des Lesens. In der vergangenen Woche hat Die Zeit eine eigene App ihrer Wochenzeitung herausgebracht. Trotz der verlegerischen Erfahrung, trotz der Möglichkeiten des Geräts steht ein neues Zeitungserlebnis leider noch aus.

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Die Zeit ist nicht die erste deutsche Zeitung, die sich mit einer eigenen App auf den digitalen Zeitungsmarkt wagt. Vielmehr hat sich der Verlag Zeit genommen, Erfahrungen mit dem Gerät zu sammeln, das nun keine reine Idee mehr ist, sondern in den Händen gehalten und benutzt werden kann. Mittlerweile kennt man die Vor- und Nachteile des iPads und kann realistischer planen als dies noch Anfang des Jahres nach den ersten Ankündigungen der Fall war. Für Die Zeit ist der Weg auf das iPad der Ausgangspunkt in die Erweiterung ihrer digitalen Publikationen. Die Zeit als Zeitung, als Webseite und als App sollen einen Dreiklang bilden, der mit einem ehrgeizigen Ziel verbunden ist, wie die Redaktion auf ihrem Blog ankündigte:

Journalistisch bietet die App das aktuelle Angebot von ZEIT ONLINE sowie die gesamten Inhalte der Wochenzeitung DIE ZEIT. Im Detail bietet Ihnen die App also intelligente Einordnung und Analyse des Tagesgeschehens. Dazu kommen, wie von ZEIT ONLINE gewohnt, minutenaktuelle Nachrichten, hochwertige Fotostrecken und Videos. Wir haben das Ziel, ZEIT ONLINE zur führenden Plattform für anspruchsvolle Leserdebatten auszubauen. Daher war uns sehr wichtig, dass Sie sich direkt aus der App an den Debatten der großen Themen des Tages beteiligen können. Die in der App verfassten Kommentare erscheinen dann ebenfalls direkt unter den Artikeln in der Website.

Das beschriebene Konzept ist begrüßenswert, denn die Kernkompetenzen des Verlags, Die Zeit und Zeit Online, werden als Ausgangspunkt genommen und um weitere interaktive Funktionen ergänzt. Als Leser kann man sich also entscheiden, welches Angebot man nutzen will: Je weiter man in das digitale Angebot eintaucht, desto mehr Optionen erhält man (ausgehend von der Zeitung über die Webseite hin zur verknüpfenden App).

Eine Zeitung ist eine Zeitung

Leider gibt es ein Problem, das dieses Modell ins Wanken bringt: Der Grundbaustein, die Zeitung Die Zeit selbst, bleibt in der App-Version nur als Bruchstück, als eingefrorene Zeitungsseite bestehen. Letztendlich bietet die App für die Wochenausgabe der Zeit nur einen Container, der eine Text- und eine Originalansicht der Zeitungsseite beziehungsweise ihrer Artikel beinhaltet. Eine Vernetzung zwischen Print- und Webausgabe der Zeit findet nicht statt. Es gibt keine Möglichkeiten, sich Artikel der Printausgabe zu speichern, zuzuschicken oder auf sie zu verlinken. Lediglich die eingebundene Zeit-Webseite bietet diese Funktionen. Die Möglichkeit der Archivierung, die Möglichkeit sich als Leser Artikel als Referenz aufzuheben fehlt in Bezug auf die Printausgabe vollständig. Sollte eine Zeitung doch eigentlich Ausgangspunkt von Gesprächen und Diskussionen zu einem Thema sein, wird hier die Arbeit mit dem Text blockiert. Auch das Kopieren oder Markieren von Textpassagen ist nicht möglich. Man kann im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr aus der Zeitung ausschneiden.

Doch was passiert, wenn der Speicherplatz des iPads voll ist und man neue Ausgaben laden möchte? Dieses Problem ist nicht bedacht oder der Verlust von Informationen einkalkuliert.

Es scheint, als herrsche großes Misstrauen gegenüber den eigenen Leser oder vielmehr den eigenen Kunden, die bereit waren, für Die Zeit zu bezahlen, da sie ihre Artikel wertschätzen. War es früher gang und gäbe, eine gelesene Zeitung oder zumindest einen Teil oder eine Seite an einen Freund weiterzugeben, bekommt man hier so gleich das Gefühl, man gehöre zu den Raubkopierern, die geistiges Eigentum nicht wertzuschätzen wissen, nur weil man seinem Vater einen Artikel weiterreichen möchte. Dabei sind all dies Dinge, die wir in der papiernen Welt gewohnt sind. Und es sind doch gerade die Dinge, die wir an dieser Welt schätzen. In der neuen digitalen Welt herrscht Furcht bei den Verlagen und diese Furcht nimmt dem Leser die Freude: Die Informationen sind kaserniert und der Leser darf sie nur zu den eingeräumten Besuchszeiten unter Aufsicht einsehen.

Zeitung, Webseite und App

Dies ist verwunderlich, da das bisherige E-Paper-Abonnement nicht über solch drastische Beschränkungen verfügte. Es erstaunt auch, dass lediglich Zeit Online als Ausgangspunkt für Diskussionen angesehen wird, womit das Flagschiff, Die Zeit selbst, auf seltsame Weise in den Schatten gestellt wird. Insgesamt scheint die Harmonie des Dreiklangs aus der Zeit als Zeitung, als Webseite und als App noch nicht gefunden zu sein. Die Zeit als Zeitung und als Webseite scheinen sich als Gegensätze gegenüber zu stehen, als ob getrennte Redaktionen für sie zuständig seien. Entsprechend gelingt der App nicht beide Komponenten zusammenzuführen. Es stellt sich grundsätzlich die Frage, warum eine App diese beiden Seiten zusammenführen muss: Warum ist eigentlich Die Zeit selbst nicht Teil von Zeit Online? Nicht als E-Paper, sondern als über den Browser aufrufbare Zeitung, im Layout von Zeit Online mit einem Link zum PDF der Zeitungsseite. Natürlich nur abrufbar für registrierte Abonnenten. Für Nicht-Abonnenten könnte man den ersten Absatz als Anreißer zur Verfügung stellen und die Kommentare zum Artikel zeigen, um so einen Anreiz zum Erwerb eines Abos zu bieten.1

1Wie solche Auffangseiten aussehen können, zeigt die New York Times in ihrem Reader.

Derzeit scheint der primäre Fokus, wie auch der Namen der App — Zeit Online Plus — schließen lässt, auf dem Online-Angebot zu liegen: Die Zusatzfunktionen, wie Favoriten, Rankings beziehen sich allesamt auf das Webangebot des Verlages. Wenn dies der Fall ist, fragt man sich allerdings warum der Verlag den aufwendigen Weg einer App-Entwicklung gegangen ist, zumal diese nur auf der von Apple gelieferten Plattform funktioniert und nicht für andere Systeme zur Verfügung steht.2 Ein Ausbau der Funktionalität der Webseite hätte hierfür ausgereicht. Die leitende und filternde Rolle, die eine abgeschlossene Zeitungsausgabe gegenüber dem sich ständig wandelnden Internet einnehmen können, wird im Kontext der App nicht genutzt.

2Das iPad bietet eine zentrale Neuerung: Es ist ein echter Sofacomputer, der den Fokus von der Arbeit (Desktop-Computer und Laptops) auf den Medienkonsum verschiebt. Man kann wie in einem Buch schmökern. Das Gerät ist dabei tatsächlich nichts anderes als ein Touchscreen: Um diesen sinnvoll mit Inhalten zu füllen, benötigt man keine App, man benötigt ein Konzept, welche Inhalte man wie präsentieren möchte. Diese Konzepte hätte man lange vor dem iPad entwickeln können und müssen, aber bis heute gibt es kein verbreitetes, einfaches Micropaymentsystem, auf das in Deutschland im Internet flächendeckend zurückgegriffen werden kann. Dies ist ein grundlegendes Versäumnis der Verlage in den vergangenen Jahren.

Wichtig ist hier: Dem Internet muss ich als Nutzer aktiv folgen, ich muss selber filtern und gewichten, eine Auswahl treffen. Eine Zeitung übernimmt diese Rolle für mich und sortiert vor. Je größer die Flut an Informationen wird, desto wichtiger wird diese inhaltliche Betreuung für den Leser, sodass das Konzept Zeitung eigentlich an Bedeutung gewinnen müsste. Der Veröffentlichungsrhythmus einer Zeitung bietet hier klare Vorteile: Es ist kein permanenter Nachrichtenticker, es ist ein abgeschlossenes Produkt in einem verlässlichen Umfang. Etwas, das für den Leser überschaubar ist und das er meint, bewältigen zu können.

All diese Punkte mögen konzeptionelle Entscheidungen sein, über die man schlicht verschiedener Meinung sein kann. Hinzu kommen leider einige handwerkliche Entscheidungen, die bei der Benutzung störend auffallen:

  • Es findet derzeit keine Zusammenführung der Print- oder Premiumabonnenten mit den Nutzern der App statt. Nur auf umständliche Weise kann man als Abonnent per E-Mail Gutscheincodes anfordern, die es ermöglichen, die App zu nutzen ohne ein zweites Mal für ein Abo zahlen zu müssen. Als Abonnent erwartet man jedoch einen einfachen Zugriff: App installieren, anmelden, fertig. Das dieses Prinzip nicht funktioniert, kann nur zu Unmut führen, und hätte auf einfache Art und Weise vermieden werden können.4
  • Es gibt kein Titelblatt, das den Leser führt und auf Neuigkeiten hinweist. Die App wirkt eher wie ein Feedreader von Zeit Online als eine Zeitung.
  • Auch wenn man bereits eine Ausgabe erworben hat, wird man stets auf die Demoausgabe hingewiesen:

4Jürgen Siebert vom Fontblog beschreibt unter dem Titel “Leerer Einkaufswagen mit Radsperre” treffend die Untiefen, die Interessenten beim Testen erwarten.

Fazit

Zeitungen werden auch in der digitalen Welt gebraucht. Doch Zeitungen müssen dafür auch Zeitungen bleiben, sie sind keine Webseiten und kein Hochsicherheitstrakt. Wollen die bisherigen Zeitungsangebote überleben, müssen sie mutiger und selbstbewusster sein. Hoffen wir, dass Die Zeit ihre App diesem Motto folgend nachbessert.